Grenzen setzen ohne Härte: Wie Rahmenbedingungen vor Überforderung schützen und emotionale Sicherheit schenken

Grenzen haben nichts mit Machtkämpfen zu tun, sondern es geht um einen liebevollen Rahmen, der Orientierung und Schutz vor Überforderung gibt. Dadurch wird Stress minimiert und das Erlernen einer gesunden Emotionsregulation sowie Resilienz ermöglicht.

 

Betrachten wir die Welt für einen Moment durch die Augen eines Kindes, das keine Rahmenbedingungen im Alltag hat:

„Noch fünf Minuten. Das sagt Mama immer. Immer wenn ich Fernsehen gucke, ruft sie das. Wie viel sind fünf Minuten? Ich weiß es nicht. Mama kommt immer plötzlich und schaltet den Fernseher einfach aus. Dabei will ich so gerne wissen, wie es weitergeht. Auf einmal ist es vorbei und ich muss ins Bett. Das macht mich sauer. Deshalb habe ich das Kissen auf den Boden geworfen. Jetzt hat Mama gesagt, dass ich morgen keinen Fernseher gucken darf. Ich darf wohl nicht sauer sein. Aber woher weiß ich nächstes Mal, wann fünf Minuten vorbei sind?“

 

In meiner Praxis beobachte ich immer wieder, wie herausfordernd das Thema für Erwachsene ist. Meistens neigen sie zu einem von zwei Extremen: Eine Grenze wird entweder mit einer Strafe gleichgesetzt oder ist mit Ängsten verbunden. Es kommt Überforderung und Hilflosigkeit bei möglichen, aufkommenden Emotionen des Kindes auf oder auch die Angst davor, dem Kind mit gesetzten Grenzen zu schaden.

 

Wie können Grenzen gesetzt werden, so dass es der emotionalen Entwicklung dient und warum ist es so wichtig?

 

1. Bedürfnis nach Sicherheit

Wir alle haben ein Bedürfnis nach Sicherheit, weshalb es Struktur im Alltag braucht. Genau das erfüllt das Bedürfnis nach Sicherheit. Handeln Bezugspersonen beispielsweise unvorhersehbar, kann das die Unsicherheit eines Kindes verstärken.

2. Entwicklung des Gehirns

Aufgrund der Gehirnentwicklung eines Kindes ist es, vor allem als Kleinkind, kognitiv noch nicht in der Lage, so viele Entscheidungen am Tag zu treffen. Genau das kann zu Überforderung führen und das Stresslevel maximieren.

3. Bewusstsein, dass Menschen eigene Grenzen haben

Wir dürfen im Laufe unserer Entwicklung lernen, dass Menschen ihre Grenzen haben und demnach auch eigene Grenzen entwickeln.

4. Entwicklung von Resilienz

Wenn Situationen vermieden werden, die zu Emotionen wie Ärger und Trauer führen könnten, weil Erwachsene es unangenehm finden oder nicht wissen, wie sie solche Emotionen begleiten können, dann wird der Raum genommen, Resilienz zu entwickeln.

5. Gesunde kindliche Entwicklung

Kinder sollten nicht die Rolle eines Erwachsenen einnehmen, in dem sie von klein auf die Verantwortung übernehmen, was beispielsweise zu Bindungsunsicherheit führen kann.

 

Grenzen im Alltag richtig setzen

Rahmenbedingungen sind für die emotional gesunde Entwicklung eines Menschen sehr wichtig. Gleichzeitig spielt es eine große Rolle, WIE diese gesetzt werden.

  • Klarheit und Beziehung gehören zusammen: Beides fließt in die Kommunikation mit ein. Das heißt, sei dir darüber bewusst, was dir wichtig ist und kommuniziere das sicher, auf Augenhöhe und mit emotionaler Wärme, bleib in Verbindung.
  • Emotionen gesund begleiten: Werden Grenzen gesetzt, ist es ein natürlicher Prozess, dass Emotionen wie beispielsweise Ärger aufkommen können. Es ist wichtig, die Emotionen des Kindes gesund zu begleiten.
  • Alternativen anbieten: Vor allem bei der Emotion Ärger, geht es beispielsweise um das Bedürfnis, selbst in die Handlung zu kommen. Um das Bedürfnis zu erfüllen und gleichzeitig die Grenze einzuhalten, ist es wichtig, eine Alternative anzubieten.
  • Vorhersehbarkeit und Stabilität: Kinder brauchen Vorhersehbarkeit und Stabilität. Wann sind fünf Minuten vorbei und wenn sie vorbei sind, was passiert dann?
  • Erwachsene als Vorbilder: Wir sind als Erwachsene IMMER die Vorbilder der Kinder. Das bedeutet, du darfst für dich Klarheit schaffen, was du vorleben möchtest. Ist es dir wichtig, dass dein Kind nicht viele Süßigkeiten isst, was ist mit dir selbst? Auch wenn es unangenehm ist, werde ehrlich mit dir. Es können alle dazu lernen.

 

Häufige Fragen, die zu dem Thema aufkommen:

1. Wie setze ich Grenzen, ohne laut zu werden oder zu schimpfen?
Teilst du den Gedanken, dass du erst gehört wirst, wenn du laut wirst? Diese Annahme haben tatsächlich viele Menschen. Dabei hat eine Grenze nichts mit Lautstärke oder Schimpfen zu tun, sondern mit Klarheit und Präsenz. Bei Lautstärke und Schimpfen kann die Emotion Angst aufkommen, wodurch dein Kind absolut nichts dazu lernt, da die Unsicherheit verstärkt wird. Es ist wichtig, auf Augenhöhe zu sprechen und klar sowie sicher zu handeln.

2. Was passiert mit Kindern, die völlig ohne Grenzen aufwachsen?
Kinder ohne einen Rahmen im Alltag erleben immer wieder Überforderung und Unsicherheit. Es kann zu chronischem Stress führen, einer geringen Frustrationstoleranz und zu Bindungsunsicherheit.

3. Warum fällt es mir als Erwachsenem so schwer, meinem Kind (oder anderen) Grenzen zu setzen?
Die Frage ist, welche Erfahrungen hast du selbst mit Grenzen gemacht? Hast du eine Struktur im Alltag als Kind gehabt? Wurden deine Emotionen gesund begleitet? Mit hoher Wahrscheinlichkeit hast du bei der Thematik selbst viel Unsicherheit erfahren, weshalb es dir nun so schwer fällt.

 

Grenzen im Alltag zu setzen, ist sehr oft mit eigenen Themen der Bezugspersonen verbunden. Gleichzeitig fehlt ebenso meistens die Handlungssicherheit im gesunden Umgang mit Emotionen sowie in der Kommunikation. Dabei unterstütze ich gerne.

 

Von Herzen, Jessica Hoffmann

Dein Ort für emotionale Gesundheit

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